Was macht ein Citizen-Science-Projekte erfolgreich?
Wie können Kinder und Jugendliche aktiv in wissenschaftliche Forschung eingebunden werden? Im Frühjahr 2023 startete TransforMA in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) ein Citizen-Science-Projekt zur Stadtsprachenforschung. Kinder und Jugendliche aus einem kulturell vielfältigen Mannheimer Stadtteil wurden als junge Sprachforscher*innen eingebunden, um die verschiedenen „Sprachschätze“ ihres Umfelds wertzuschätzen.
THEMEN
Citizen-Science
Kooperation
Sprache
Wertschätzung
AUTOR*IN
Astrid Kickum & Julia Derkau
Im Frühjahr 2023 startete TransforMA uniseitig eine Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS). Die dort tätigen Sprachwissenschaftler*innen haben sich erstmals dem Konzept Citizen Science angenähert: Bürger*innen ohne wissenschaftlichen Hintergrund oder Anbindung an eine Wissenschaftsinstitution sollten aktiv in ein linguistisches Forschungsprojekt als Mitforschende einbezogen werden. In diesem Fall waren es Kinder und Jugendliche eines kulturell diversen Stadtteil Mannheims, die als junge Sprachforscher*innen zum Einsatz kamen. In diesem Projekt zur Stadtsprachenforschung sollte explizit ein wertschätzender Blick auf die unterschiedlichen „Sprachschätze“ erfolgen.
Aufgabe des Teilprojekts Evaluation war die wissenschaftliche Begleitung dieses Citizen Science-Projekts mit den Namen „Die Sprach-Checker – So sprechen wir in der Neckarstadt“. Zu diesem Zeitpunkt war die linguistische Forschung mit Kindern und Jugendlichen in der Neckarstadt-West bereits aufgenommen worden.
Für die wissenschaftliche Prozessbegleitung wurde ein zweistufiges Verfahren beschlossen: In einem ersten Schritt wurden im Frühsommer 2023 die maßgeblich beteiligten Mitarbeiterinnen des IDS mittels eines standardisierten Fragebogens interviewt und deren Antworten nachfolgend transkribiert und aufgearbeitet. Hier standen die persönlichen Erfahrungen des Kernteams im Fokus.
In einem zweiten Schritt wurden dann am Jahresende 2023 mittels eines Online-Fragebogens die Mitarbeitenden des IDS wie deren lokale Kooperationspartner*innen befragt, ähnlich einer Abschlussevaluation. Hier lag der Schwerpunkt auf der Analyse, welche spezifischen Herausforderungen ein Citizen Science-Projekt mit jungen Forschenden birgt und wie diesen erfolgreich begegnet werden kann.
Nach Abschluss dieser beiden Interventionen lassen sich aus den zentralen Erkenntnissen konkrete Handlungsempfehlungen ableiten. Abbildung 1 bündelt diese Einsichten aus den beiden Prozessbegleitphasen. Die Grafik soll dabei nicht als chronologisch starres Modell betrachtet werden, sondern kann als hilfreiches Tool für die Konzeption und Umsetzung von Projekten mit jungen Bürgerwissenschaftler*innen dienen.
Im Verlaufe des Projekts wurde deutlich, dass die Zielsetzungen und Projektplanung realistisch kalkuliert sein und „im Feld“ angepasst werden sollten (01 und 02): Durch die Vielfalt der im Projekt realisierten Forschungsmodule und durch die Beteiligung von sehr lebensjungen Bürger*innen entstand ein hoher Planungs- und Koordinationsaufwand. „Weniger ist mehr“ war demnach das Fazit dieses Learnings.
Eine weitere Säule von gelingenden Citizen Science-Projekten besteht in dem gelingenden Aufbau von Kollaborationen (03). Nur durch das Kennenlernen der Lebenswirklichkeiten im Stadtteil, der lokalen Akteur*innen und durch eine aktivierende Ansprache konnten tragfähige Netzwerke aufgebaut werden. Beziehungen zur Citizen Science-Community und Fachinformationen sollten ebenfalls genutzt werden. Auch den Einsatz relevanter Ressourcen (04) wie Zeit, Personal, Fachkompetenzen etc. gilt es optimal zu kalkulieren.
Mittels pädagogisch gut aufbereiteter Methoden und Formate ließ sich das Forschungsfeld der Linguistik an die jungen Bürgerwissenschaftler*innen herantragen und umsetzen (05), so dass diese befähigt wurden, die Sprachen in ihrem Stadtteil eigenständig unter die Lupe zu nehmen und zu erforschen. Gefühle der Integration und Teilhabe aufseiten der Kinder und Jugendlichen waren der wertvolle „Beifang“ dieser Partizipationserfahrungen und wirkten stark auf deren Projekt-Commitment ein.
Ebenso relevant war die fortlaufende Kommunikation (06) intern und extern sowie die systematische Dokumentation (07) der gewonnenen Daten und Erkenntnisse. Diese ermöglichte es, die im Stadtteil gemachten Erfahrungen sowohl für die Beteiligten, die Öffentlichkeit, als auch für die wissenschaftlichen Kolleg*innen auszuwerten (08) und aufzubereiten und als „Re-Transfer“ zur Verfügung zu stellen. Sie wurde ergänzt durch die kontinuierliche Sichtbarmachung von Projektschritten, -methoden und -erfolgen über verschiedene Kommunikationskanäle (09).
Ebenfalls ein großes Learning war die Würdigung auch kleinerer Erfolge und jener Outputs, die weniger einen wissenschaftlichen Mehrwert erzeugen, aber ein großes emotionales und community-stärkendes Potenzial aufweisen (10). Die vor Ort aktiven Projektbeteiligten konstatierten insbesondere, dass mit dem Stadtteil-Projekt nicht nur Daten zur Stadtsprachenforschung gewonnen werden konnten, sondern auch das das Selbst-/Bewusstsein der dort ansässigen Kinder und Jugendlichen und deren Identitätsgefühl konnte sichtbar gesteigert werden.